Das Unvermeidliche…

8. Mai 2009

Star Trek – der neue Film

Einsortiert unter: Kino,Medienkritik,Offline-Welt — Wörterschmied @ 22:51

Heute tat ich, was ein echter Trekkie einfach tun muss: Sich mit Warpgeschwindigkeit ins nächste Kino bewegen, die Trägheitsdämpfer im Kinosessel auf Maximum bringen – und in ferne Welten abdriften.

Aber schon nach den ersten 3 Minuten war mir klar: Roter Alarm! Schilde hoch und… volle Wende – nichts wie weg!

Man sieht ein Föderationsschiff, dass eine Mischung aus Hightech und Werkstattfeeling vermittelt. Auf der Brücke befinden sich digitale 3-D Displays an den Wänden, gepaart mit Neonröhrenbeleuchtung an der Decke. Die Gänge sind nicht etwa, wie man das so kennt, mit grauen, hell erleuchteten Stahlwänden verziert – nein, sie sind eher eng, dunkel und mit Stahlstangen abgestützt. Gittertreppen, offene Rohrleitungen und dicke Kunststoffduschvorhänge (!!!) in den Shuttles runden das Gefühl ab, dass die Föderation augenscheinlich Highend-Steampunk-Rumschiffe im Dienst hat.

Kurz nachdem einem dann dieses hübsche Schiff vorgestellt wird, wird es dann auch schon actionlastig angegriffen. Wie es das Klischee verlangt muss natürlich ein großes, schwarzes, fies aussehendes und bis an die Zähne bewaffnetes Raumschiff mir nichts, dir nichts (und vor allem ohne vorher einen Einreiseantrag gestellt zu haben!) auftauchen und das arme kleine Föderationsschiffchen angreifen. Natürlich wird dabei roter Alarm ausgelöst – erstaunlich ist nur, dass das so gut wie gar nichts bringt. Schilde? Deflektoren? Nö – Pustekuchen. Das große böse Schiff (wie man später noch herausfinden wird, romulanisch) verschießt ein paar Torpedos, die aussehen wie von Borg gepimpte Splitterbomben (und die sich auch genau so verhalten) und das arme kleine Schiffchen wird durchlöchert wie ein schweizer Käse.

Gut – von einem schweizer Käse kann man ein Mindestmaß an Neutralität erwarten – nicht jedoch von diesem Föderationskäse. Der hat nicht besseres zu tun, als seinen Captain auszuliefern, Kirks Papi das Kommando zu übergeben, der dann natürlich mit einem völlig durchlöcherten Schiff, ohne Crew (denn die wurde evakuiert) im Alleingang die in Shuttles (die fliegenden Duschkabinen) fliehende Crew gegen die mächtig bösen Splitterbombenborgtorpedos zu verteidigen und dann noch das mächtig böse Schiff zu rammen – das natürlch keinen Kratzer dabei ab bekommt.

Wir stellen fest: Föderationsschiffe haben zwar keine Schilde, dafür aber megastarke Integritätsfelder, die das Schiff sogar dann noch stabil halten, wenn es eigentlich aussieht, als wären geisteskranke Drittklässler mit einem Locher darüber hergefallen. Außerdem müssen Waffen auf älteren Schiffen nicht von Hand nachgeladen werden, auf hochmordernen aber schon (später auf der “nagel neuen” Enterprise sieht man, dass komische kleine Granätchen von Hand in komische kleine Werfer geladen werden müssen), denn Papa-Kirk konnte ja aus allen Rohren feuern, ohne dass noch jemand an Bord war.
Das beste an der Sache: Die Hauptenergie blieb immer stabil, während der ganzen Zeit blieb die Kommunikation aktiv und ein Kanal zu Mama-Kirk im Shuttle offen, so dass auch noch genug Zeit war, sich um den Namen für das Blag zu streiten und schwülstige Liebesbekundungen im Angesicht des sicheren Todes in den Subraum zu plärren.

Kirk-Junior – der echte, einzigartige, James Tiberius Kirk ist auch eine Klasse für sich. Kaum war die erste Action überstanden, folgte die Nächste. Mit geschätzt zarten acht einhalb Jahren rast der als Baby in einen Topf mit Adamantium gefallene Kirk in einem Kabrio durch die Lande, wird von einem Polizeidroiden abgedrängt und steuert das Gefährt auf einen Abgrund zu, der natürlich total spontan und rein zufällig gerade in der Nähe ist. Mit guten 90 Meilen pro Stunde rast der Kurze darauf zu (man fragt sich während dessen, wie er bloß mit den Füßchen an die Pedale kommen soll – aber Realismus ist ja heute nicht unter Thema…), bemerkt den Abgrund, zieht die Handbremse und legt einen sauberen Powerslide hin, durch den das Auto dann mit quietschenden Reifen (auf Sand!!!) in den Abgrund stürzt, während Kirkyboy lässig rausspringt, sich ein bisschen im Staub wälzt, an der Kante des Abgrundes festhält (die ja auch überhaupt gar nicht bröckelig, sandig oder sonst irgendwie rutschit ist) und sich wieder hochzieht. Jedes normale Kind hätte sich dabei die Schulter und mehrere Rippen gebrochen, die Hüfte ausgekugelt und hätte wahrscheinlich kaum noch Haut auf dem Gesicht. Kirk-Junior ist dagegen quietschfidel und sogar noch rotzfrech. Drei-Wetter-Taft – und die Frisur hält.

Eine Weilte später macht Jim dann ganz neue Erfahrungen mit der Föderation. Beim Versuch Uhura anzugraben (die wohl erotischste Hauptrolle in einem Star Trek Film, die bisher über die Leinwand flimmerte) legte er sich promt mit ein paar Sicherheitsoffizieren an und bekam mächtig auf die Nase – wobei deutlich zu sehen war, dass die Offiziere noch auf ihn einprügelten, obwohl er schon hilflos am Boden lag. OK. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Misshandlungen von potentiellen Tätern irgendwie in der Ausbildung von Sicherheitsoffizieren inbegriffen war. Aber ich mag mich irren.

Ein bisschen Slapstik, eine halbe Sexszene und einen Haufen schräger vulkanischer Logik später darf Chekov eine Nachricht an die Crew der Enterprise weitergeben. Der Computer, der dafür erstaunlicherweise eine Autorisation braucht, versteht nur leider seinen Dialekt nicht, weswegen er sich gleich nochmal anstregen muss. Moment? Ein Föderationscomputer versteht keinen russischen Dialekt? Wohlmöglich verweigert sogar der Universalübersetzer seinen Dienst… das lässt nur einen Schluss zu: Die Sternenflotte ist rassistisch! Wahrscheinlich gab es deswegen in TNG, DS9 oder Voyager keine Russen mehr…

Technische Neuerungen gibt es übrigens auch! Scotty erfindet (oder erfand in der Zukunft) eine Möglichkeit, sich von einem Planeten auf ein Schiff zu beamen, dass zudem noch irre weit weg ist und sich mit Warpgeschwindigkeit bewegt. Außerdem verwenden die fiesen Romulaner “rote Materie” aus der Zukunft, um damit Singularitäten zu erzeugen, die wiederum zu schwarzen Löchern werden und Planeten einsaugen. Das geht aber auch nur, wenn man erstmal mit einem Bohrer, der an einem mit Stacheln und Dornen versehenen, ein paar tausen Kilometer langem Kabel hägt, ein Loch bis zum Planetenkern gebohrt wird, in den dann diese “rote Materie” versenkt wird. Besagter Bohrer soll auch noch mit Hilfe eines Teams bestehend aus Kirky-Boy, Sulu und einer Nebensprechrolle die dann auch sofort stirbt (stilecht halt), abgeschaltet werden, da er gerade dabei ist, Vulkan anzubohren. Wie Powerranger in bunten Anzügen springen sie aus einem Shuttle und rasen am Kabel runter (obwohl Objekte, die in der Schwerelosigkeit ausgworfen werden, wenn sich ein Schiff mit einer gewissen Geschwindigkeit bewegt, eigentlich völlig anders verhalten müssten…) und landen dann mit ihren Fallschirmen zielsicher, ohne sich zu verheddern, in der Atmosphäre zu verbrennen oder davon abzuprallen auf dem Bohrkopf, der nach einer weiteren Klopperei, in der Sulu mit einem Schwert, das bei Tekken geklaut war, und Moves die er sich nur bei den Hero Turtles abgeguckt haben konnte, vor sich hin “fechtete”.

Ich wette jetzt schon, dass in den nächsten Wochen in allen Fan-Foren und -Wikis die Diskussion darüber angeheizt sein wird, was zum Teufel “rote Materie” ist und warum gerade die Schwarze Löcher erzeugt.

Schlussendlich konnten die Bösen dann aber doch noch geschlagen werden – und nachdem Big-Kirk dem fiesen Oberromulaner noch angeboten hat, dass man ihm ja helfen könnte, bevor er selbst in einem riesigen schwarzen Loch verschwindet, was dieser natürlich ablehnt weil er lieber stirbt, befielt er dann noch zusätzlich auf ihn zu schießen. Wir haben also ein hilfloses Schiff dem die Zerstörung droht (auch wenn es potentiell feindlich ist) und das Angebot zu Helfen, woraufhin eben jedes hilflose Schiff mit Waffengewalt zerstört wird.

Ok – das ist dann aber ein direkter Verstoß gegen die Dritte Direktive.

Blöd war dann nur, dass das schwarze Loch so groß war, dass die Enterprise leider nicht mehr von der Stelle kam und selbst drohte eingesaugt zu werden. Mit maximaler Warpenergie wurde dagegen gehalten Risse zogen sich durchs ganze Schiff, das Glas (?!?) am Hautschirm/Aussichtsfenster bekam Sprünge – und da kam die rettende Idee: “Den Kern ausstoßen!” (Wir alle wissen: Wann immer man es bei Star Trek mit einem mächtigen, bedrohlichen und potentiell Tödlichen Riss, Energiefeld, schwarzem Loch oder dem Besuch von Tante Walpurga zu tun hat, wirft man den Warpkern raus, tritt einen Schritt beiseite und schon lösen sich alle Probleme quasi von selbst…)

Der Kern” bestand allerdings aus mindestens sechs (6!!!) Einzelnen kleinen Kernchen und erzeugte eine gewaltige Explosion, welche die Enterprise direkt mal verschluckte (sic!) und dann aus dem schwarzen Loch heraus katapultierte.

Ok – das Schiff hatte schon schwere Hüllenschäden und Verformungen, immerhin gingen ja gewaltige Risse an den Wänden lang. Aber wie wir ja am Anfang schon gesehen haben: Die Integritätsfelder sind gute deutsche Wertarbeit! Die halten alles zusammen – sogar Raumschiffe mit Stressfrakturen die durch planetenzerbröselnde Explosionen fliegen! Nur Schilde – die gibt’s nicht.

Fazit: Wer Trekkie ist und es bleiben möchte, sollte tunlichst zuhause bleiben, den Kinoeintritt in Pizza investieren oder bis zum nächsten Terminator warten, denn da gibt’s auch jede Menge Verwüstung, Zerstörung und sinnloses Geballer. Wer Trekkie ist und gleichzeitig Masochist und/oder so wie ich mit einem gesunden Humor ausgestattet, der wird sicher seine Freude an diesem Film haben. Denn eins haben die Macher wirklich geschafft: Den Geist von Star Trek brutal zu töten und ihn durch stupide Witze, einen Hauch Erotik und noch mehr sinnloser Action zu ersetzen.

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